kachel 3 mm wald

Auslöser für die hier berichteten Forschungen war der Eintrag in einer Familienchronik meines Urgroßvaters, dass am 15. Januar 1945 1.000 Juden durch das westungarische Dorf Fertőboz/Holling am Neusiedler See getrieben wurden. Zwei Augenzeugen dieses Menschentrecks, damals 8 und 17 Jahre alt, berichteten 2013 und 2017 außerdem von Gerüchten über Verbrechen und Massengräber im Wald des Grafen Széchenyi zwischen Kleinholling, Nagycenk und Hidegség.

Um diesen Gerüchten nachzugehen, wurden in einem Greenfield-Ansatz, neben Luftbildaufnahmen und weiteren Quellen, 306 DEGOB-Protokolle von 392 Überlebenden der jüdischen Zwangsarbeitslager im Gebiet um Sopron ausgewertet, die aus der öffentlich zugänglichen Datenbank www. degob.hu gefiltert wurden. Das Ergebnis dieser Recherchen ist zum einen eine Rekonstruktion des Leidensweges dieser 1.000 Menschen und zum anderen Evidenz – auf Grundlage von Aussagen von überlebenden Deportierten, von Dorfbewohnern und Tätern – für zahlreiche monströse Verbrechen, verübt nach Art von Einsatzgruppen, sowie für Massengräber im Wald, in denen 10.000 oder mehr Menschen begraben sein könnten.

Außerdem belegen die Ergebnisse der Primärdatenanalyse, dass mehr als dreimal so viele ungarische Juden in die Schanzlager des »Ostwalls« verschleppt wurden und dort zu Tode kamen, als bislang in der wissenschaftlichen Literatur berichtet. Sie weisen auch auf die kaum bekannte Rolle der Einsatzgruppe F und des Eichmann-Kommandos beim Ausbau von Gewaltstrukturen in der Verfolgung der ungarischen Juden während der letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs hin.

̈Allgemein gilt der Zusammenbruch ziviler Strukturen als konstitutives Merkmal von Endphase-Verbrechen; die Strukturen des Genozids an den ungarischen Juden aber funktionierten – bei hohem Sach- und Personalaufwand in koordinierten staatenübergreifenden Abläufen und arbeitsteiligen Handlungen einer Vielzahl von Akteuren – reibungslos bis zum Kriegsende.


Hier ist die autorisierte deutsche Übersetzung des Artikels:


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